Schriftplastik „Transparente Weltkugel“

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1839) und Karl Marx (1818 – 1883) vereint in einem Denkmal? Das erscheint auf den ersten Blick etwas gewagt. Ein weltberühmter Dichter, Naturwissenschaftler, Politiker am Weimarer Hof sowie ein Philosoph und einflussreicher Theoretiker des Sozialismus / Kommunismus. Geht das zusammen?

Seit 1977/78 stand vor der ehemaligen Buchhandlung „Alexander von Humboldt“ eine Schriftplastik mit dem Titel „Transparente Weltkugel“. Die vom Berliner Künstler Prof. Günter Junge (er gestaltete auch einige DDR-Gedenkmünzen) entworfene Plastik wurde mit einem Durchmesser von etwa fünf Metern vom Potsdamer Stahlbauer Ulrich Dalichow in Zusammenarbeit mit Christian Röhl ausgeführt. Sie besteht aus oberflächenbehandeltem Stahl. Die Kugel selbst wurde geformt aus zwei ineinander verschlungenen Zitaten. Zum einen dem Anfang aus dem Chorus mysticus, den Schlussversen aus Goethes Faust II: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ und aus der elften Feuerbach-These Karl Marx‘ „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“.

Die Plastik ist zwar nicht als Denkmal eingetragen, wird aber auf der „Prioritätenliste der Kunstwerke im öffentlichen Raum“ geführt. Aus Sicherheitsgründen musste die Skulptur im Oktober 2010 von der Baustelle der Stadt- und Landesbibliothek entfernt werden. Kurz zuvor, noch im Mai 2010, hatte man im Zuge von Wartungsarbeiten, Verwitterungsspuren an der Skulptur beseitigt. Im Zuge des Neuaufbaus der Potsdamer Mitte wird das Denkmal nicht wieder an seinen ursprünglichen Standort zurückkehren, da dieses Areal Teil der zu bebauenden Fläche entlang der Friedrich-Ebert-Straße ist.

Nach Aussage der Stadtverwaltung wird der Beirat für Kunst im öffentlichen Raum in Abstimmung mit dem Künstler aber einen neuen Standort für die Skulptur auswählen. Derzeit ist die Plastik auf dem Lagerplatz des Tiefbauamtes „Am Buchholz“ eingelagert. Sie ist Eigentum der Stadt Potsdam.

Woher kommen nun aber die beiden Zitate und wie lassen sie sich einordnen?

Goethe beendet sein wohl berühmestes Werk mit dem „Chorus mysticus“:

Alles Vergängliche // Ist nur ein Gleichnis; // Das Unzulängliche, // Hier wirds Ereignis; // Das Unbeschreibliche, // Hier ist es getan. // Das Ewig-Weibliche // Zieht uns hinan.

Faust II, Vers 12104 ff.

Goethe macht hier deutlich, dass alles Vergängliche, also alles, wovon im Faust überhaupt die Rede ist (Liebe, Wissen, Macht, Lebenslauf, alles Streben …) keine endgültige, letztendliche Wahrheit, keine Realität „an sich“ besitzt, sondern nur Metapher für das Eigentliche ist. Ekkehart Krippendorff, einer der Pioniere der Friedensforschung schreibt dazu in seinem Aufsatz „Die unerschöpfliche Faust-Parabel“: „‘Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis‘ – damit endet der achtzigjährige Goethe seine Faust-Dichtung, die er seit seinen ersten Semestern als Student in Leipzig (1765-68) mit sich herum getragen hatte. Zunächst hatte es eine Gelehrtentragödie werden sollen. Aber in den sechzig Jahren, in denen er den Stoff dann „immer sachte neben mir hergehen“ ließ […], wuchs das Werk zu einer Summa kritischer Reflexion über Herkunft, Gegenwart und Zukunft des Homo Europaeus und öffnete sich für Dimensionen der geistigen Welt, die uns Nachgeborenen nur schwer verständlich und noch immer fast kaum nachvollziehbar sind.“

Marx fasst wohl um 1845 – basierend auf der hegelschen Dialektik in der elften Feuerbachthese – „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern“ seine Kritik an Feuerbach zusammen. Demnach verbleibe Feuerbach einem anschauenden Materialismus und könne daher die Gesellschaft nicht als materielle Wirklichkeit begreifen, die aus dem Handeln der Menschen erwachse.

Marx betont die dialektische Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft. Das Individuum kann seiner Auffassung nach materialistisch nur als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse verstanden werden. Die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst sind wiederum Ergebnis des Handelns menschlicher Individuen. Als Ausweg, der die Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft überwindet und zu einer menschlichen Gesellschaft oder gesellschaftlichen Menschheit führt, bleibt nur ein revolutionärer Prozess.

Dass Karl Marx zu den wichtigsten Protagonisten im politischen Selbstverständnis der DDR gehörte, muss hier sicher nicht weiter erläutert werden. Auch im Potsdamer Stadtbild war Karl Marx präsent: eine Karl-Marx-Straße, das Karl-Marx-Werk, ein Marx-Zitat an der Mosaik-Wand des Rechenzentrums oder die POS „Karl Marx“ im Wohngebiet am Schlaatz. Auch Goethe fehlt nicht in Potsdam: Goethestraße, Goethe-Schule und Goethe-Friedhof in Babelsberg sind im Stadtbild vertreten.

Auf den ersten Blick scheint es verwunderlich, den sozialistischen Philosophen mit dem bürgerlichen Goethe zu vereinen. Betrachtet man allerdings das Goethe-Bild der DDR etwas genauer, so scheint diese Verbindung folgerichtig.

Walter Ulbricht erklärte bei seiner Rede auf der 11. Tagung des Nationalrates der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands am 25. März 1962 Goethe zum Vorreiter des Marxismus-Leninismus und die DDR zum „dritten Teil des Faust“: er habe die DDR vorausgesehen. Die Idee vom „freien Volk“ auf „freiem Grund“, im „Faust II“ gefordert, sei im SED-Staat Wirklichkeit geworden, so der Staatsratsvorsitzende.

Claudia Knetsch schreibt dazu, der Führungsriege der DDR hätten Goethe und auch Schiller als „unerschöpfliche Zitatenspender“ gedient. „Semantische Bruchstücke [wurden] zur Stützung der eigenen Ideologie herangezogen“. So sei Goethe durch seine Worte, „dass der einzelne nicht ohne das Ganze ist“ zum „Vordenker des Kollektivismus“ geworden.

Für das Potsdamer Kunstwerk sei vielleicht noch Knetschs Hinweis erwähnt, dass man mit „Blick auf die beabsichtigte Verankerung des ,sozialistischen Realismus’ als offizielle Kunstauffassung […] in phrasenhafter Wiederholung darauf hin [wies], dass Goethe ‚das Abstrakte‘ stets abgelehnt, und alles ‚Konkrete und Gegenständliche hervorgehoben‘ habe.“
Knetsch erklärt, dass Goethes Faust zum „Nationalepos der DDR“ avancierte und Fausts Vision vom freien Volk auf freiem Grund die Verhältnisse in der DDR visionär vorweggenommen habe.

„Eigentlich fehlt […] noch ein dritter Teil des ,Faust’. Goethe hat ihn nicht schreiben können, weil die Zeit dafür noch nicht reif war. […] Erst weit über hundert Jahre, nachdem Goethe die Feder für immer aus der Hand legen mußte, haben […] alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik begonnen, diesen dritten Teil des ,Faust’ mit ihrer Arbeit, mit ihrem Kampf für Frieden und Sozialismus zu schreiben. Der Sieg des Sozialismus in der DDR und die Vereinigung des ganzen deutschen Volkes in einem einheitlichen, friedliebenden, demokratischen und sozialistischen Staat wird diesen dritten Teil des ,Faust’ abschließen.“

 

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Quellen:

Bihler, P.: Goethe in der Deutschen Demokratischen Republik. Auf der Suche nach dem „aktuell lebendigen Goethe-Bild“. Gaggenau. 1999. S.3. http://www.bi-on.de/goethe/ddr.pdf

Knetsch, C.: Betrachtungen zur Rezeption Goethes und Schillers in der SBZ/DDR (1949-59). http://www2.uni-jena.de/journal/uniapr00/ddr.htm

Krippendorff, E.: Die unerschöpfliche Faust-Parabel. In: Programmbuch „Faust“. Staatsschauspiel Dresden, Spielzeit 2006/2007. Dresden 2006. http://userpage.fu-berlin.de/~kpdff/texte/faust.pdf

DDR-Film: Personenkult mit Popanz-Goethe. In: Der Spiegel. Nr. 45. 1975. S. 172f. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41496188.html

http://www.de.wikipedia.org/wiki/Gedenkm%C3%BCnzen_der_Deutschen_Demokratischen_Republik

http://www.de.wikipedia.org/wiki/Thesen_%C3%BCber_Feuerbach

http://www.denkmalwartung.de/index.php?id=518

http://www.fraktion-die-andere.de/files/ka_10_771_marxskulptur.pdf

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