Der Plögersche Gasthof und seine Figuren

Plögerscher Gasthof (Bundesarchiv)

Wer sich einmal aufmerksam die Skulpturen der Hauptachse im Park Sanssouci angesehen hat, dem könnte das Rondell vor der Orangerie aufgefallen sein. Während die Skulpturen der anderen Rondelle präzise aus Marmor gefertigt sind, fallen die Figuren des Orangerie-Rondells durch Material und Verarbeitung auf. Schnell wird klar: diese Figuren gehören hier nicht her – sind sie doch weniger detailliert und noch dazu aus Sandstein.

Tatsächlich sind diese Skulpturen nicht zu Betrachtung aus der Nähe geschaffen worden und schmückten einst die Attika des Plögerschen Gasthofes im Potsdamer Zentrum. Im Zuge des Wiederaufbaus der Innenstadt soll der Gasthof neu entstehen. Ein Grund mehr, die Figuren und das Gebäude, auf dem sie einst standen, näher zu untersuchen.

Der Plögersche Gasthof ist Teil der durch Friedrich den Großen seit 1745 veranlassten Stadterweiterung und wurde 1754 an der Ecke Schlossstraße / Hohewegstraße errichtet. Wie bei zahlreichen anderen Gebäuden dieser Zeit nahm Friedrich II. auch bei der Gestaltung des wohl von Anfang an als Wirtshaus errichteten Eckhauses erheblichen Einfluss, insbesondere auf die Fassade. Durch prachtvoll illustrierte italienische Alben, die ihm der Graf Francesco Algarotti mitbrachte, war Friedrich II. mit den Bauten Andrea Palladios (1508 – 1588) bekannt und zog einige von ihnen als Vorbilder für Neubauten in Potsdam heran. So auch den 1565 errichteten Palazzo Valmarana, den Palladio für eine Adlige namens Isabella Nogarola Valmarana errichten ließ. Architektonisch und gesellschaftlich bedeutend ist der Bau vor allem deshalb, weil Palladio hier die sogenannte Kolossalordnung, eine über mehrere Geschosse reichende Betonung der Vertikalen durch Säulen und Pfeiler an einem privaten Palast anwendet.

Die Realisierung in Potsdam wurde Carl Ludwig Hildebrandt übertragen, der sich vom Original insoweit entfernte, dass er statt sieben neun Fensterachsen zur Schlossstraße hin ausführte. In den meisten anderen Details entspricht die Potsdamer Kopie weitgehend dem Original. So haben beide Gebäude ein hohes Sockelgeschoss und Reliefs über den Fenstern des ersten Geschosses. Während in Potsdam allerdings nur eine Karyatide, ein männlicher Legionär, als Eckschmuck des zweiten Obergeschosses eingebaut wurde, hatte Palladio auch auf der gegenüberliegenden Seite eine Figur angebracht, eine weibliche Wächterin. Palladios Palast hatte jeweils links und rechts benachbarte Bauten, Potsdams Plögerscher Gasthof hingegen war ein Eckgebäude. Die schmalere Seite in der Hohewegstraße hatte nur sechs Achsen und keinen Figurenschmuck. Die Reliefs und die Legionärsfigur stammen vom fränkischen Bildhauer Johann Gottlieb Heymüller (1715 – 1763),

Die Fassade des Gasthofes war sicher schon für sich beeindruckend, doch im Gegensatz zum Original verfügte Plögers Haus noch über eine weitere Potsdamer Schöpfung – die acht Attikafiguren von Johann Peter Benkert (1709 – 1765). Das Gebäude, welches an exponierter Stelle und in der Sichtachse zwischen dem Rathaus und dem Hotel zum Einsiedler lag, gehört damit zu den wichtigsten Gebäuden dieses Stadtbereiches. Denn außer dem Gasthof trugen in dieser Achse nur das Rathaus und das Schloss solche Attikafiguren.

Den Gasthof schmückten insgesamt acht Figuren, die symbolisch für die Freuden des Lebens stehen (von links nach rechts): ein Bacchant (Begleiter des Dionysos, des Gottes des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase), die Göttin Ceres (römische Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit und der Ehe), ein Silen (ebenfalls ein Begleiter des Dionysos), Pomona (Göttin der Baumfrüchte), ein Flöte spielender Jüngling, möglicherweise auch Faun, eine Mänade (weibliche Begleitung Dionysos), Ganymed (der „Schönste aller Sterblichen“ und Geliebter des Zeus) und eine Tanzende. Das Thema der Weinseeligkeit wird wiederholt durch einen von Bacchuskopf und durch Weinranken (wie auch beim italienischen Original) aufgenommen, welche von Müller und Kambly geschaffen wurden.

Der Plögersche Gasthof war zuerst in Besitz des Herrn Plöger, der hier die Restauration mit dem Namen „Prinz von Preußen“ betrieb. Friedrich Nicolai erwähnt Plöger als Besitzer des Gasthofes sowohl 1769 als auch 1786. Für das Jahr 1798 hingegen nennt der Adreß-Kalender von Johann Friedrich Unger bereits einen Herrn Uttig als Besitzer. Noch unter Herrn Plöger war vom 20. bis 23. Mai 1778 Johann Wolfgang von Goethe als Begleiter von Herzog Karl-August hier zu Gast.

Seit dem Jahr 1819 diente das Gebäude als Kommandantur der preußischen und später der deutschen Armee.

Am 18. März 1945 wird der Standort des originalen Palazzo Valmarana, Vicenza, das bereits während des ersten Weltkrieges schwer getroffen wurde, durch alliierte Bombenangriffe schwer getroffen. Der Palazzo Valmarana brennt dabei völlig aus. Nur einen Monat später erfährt auch Potsdam die volle Wucht des Krieges. Der Plögersche Gasthof übersteht zwar den Luftangriff vom 14./15. April 1945, wird dann aber durch die Kämpfe um die Stadt am 23. April schwer beschädigt. Wie beim italienischen Vorbild künden nur noch die Außenmauern von der einstigen Pracht – dies jedoch sehr eindrücklich.

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Auch die Ruinen lassen noch die frühere Pracht des Potsdamer Zentrum erkennen. Links der Kapellenflügel des Stadtschlosses, in der Mitte der Turm der Garnisonkirche, rechts die Reste des Plögerschen Gasthofes

Leider hat Potsdams Palazzo nicht das gleiche Glück wie sein italienisches Vorbild. Während in Vicenza wiederaufgebaut wird, wird in Potsdam abgerissen. Am 30. Januar 1958 beschließt die Stadtverordnetenversammlung von Potsdam den Abriss des Gebäudes an der Schlossstraße Nr. 8 (zusammen mit zahlreichen anderen wertvollen Bauten) und im Juli 1958 beginnt der Abriss. Zwar können noch die wertvollen Attikafiguren geborgen werden, eine Rettung der kostbaren Reliefs und der Legionärsfigur gelingt aber nicht mehr. Im Oktober / November ist der Abriss vollendet und Platz für eine autogerechte sozialistische Stadt geschaffen. Ab sofort führt die verbreiterte Friedrich-Ebert-Straße über das Territorium des Gebäudes.

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Noch stehen sie am alten Platz, die Figuren auf dem Plögerschen Gasthof. Hier um 1950.

Die Figuren werden in den 60er Jahren am Standort der ehemaligen Marmorkolonnade im Park Sanssouci aufgestellt, wo man sie heute noch besichtigen kann.

Im Rahmen des Leitbautenkonzeptes für Potsdam ist auch die Wiederrichtung des Plögerschen Gasthofes vorgesehen. Allerdings nicht exakt am ursprünglichen Standort, sondern um einige Meter in Richtung Alter Markt verschoben.

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