Mit Pferdestärken durch die Residenz. Droschken in Potsdam.

Sie waren die ersten öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt, wenn man einmal von den Fähren absieht. Schon zu Zeiten Friedrichs des Großen fuhren „Miethskutschen“ durch Potsdam. Mit dem Einzug der Eisenbahn und den damit verbundenen Passagierströmen hielten die Droschken oder Fiaker wieder Einzug in der Stadt. Sie überlebten bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.

Erstmals im Jahre 1769 erwähnt Friedrich Nicolai in seiner Beschreibung der Stadt Potsdam zwei Droschken, die dem Potsdam-Besucher dienen sollen: „Hinterm Schlosse halten beständig zween Miethkutscher. Um den Preis der Fahrt muß man sich vergleichen, weil denselben noch keine Taxe vorgeschrieben ist.“ Für die Hauptstadt Berlin nennt er im selben Buch bereits ein ausgeprägtes Reglement mit festgelegten Tarifen, Nummerierungen der Kutschen und Arbeitszeiten.

Nur zehn Jahre später sieht es auch in Potsdam ganz anders aus: „Fiakers oder Miethkutschen sind jetzt 6 bestellt; sie halten beym Schlosse auf dem sogenannten Fiakerplatz“. Auch der Fahrpreis („Taxe“) ist fixiert. Nach Sanssouci kostet die Fahrt zwei Reichstaler und zum Neuen Palais einen Reichstaler und zwanzig Groschen. Für jede Stunde, die der Kutscher auf die Rückfahrt warten muss, werden vier Groschen berechnet. Auch lange Routen werden angeboten: zum Stern, nach Nowawes, Glienicke, zur Nedlitzer Fähre, nach Caputh oder Bornstedt für jeweils einen halben Tag kostet der Wagen für ein bis zu zwei Personen einen Reichstaler und vier Groschen, für mehr als zwei Personen einen Reichstaler zwölf Groschen.

Zwar gibt Nicolai dann im Jahre 1799 keinen Hinweis mehr zu den Fahrpreisen und Routen, nennt dafür aber erstmals Namen: „Miethskuschen findet man bei verschiedenen Fuhrleuten, unter andern bei Ustich und Götze“. Dann ist erst einmal Schluss mit den Kutschen. Wann genau die Droschkenkutscherei eingegangen ist, kann nicht beschrieben werden. Ihr Ende ist jedoch nur temporär.

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Johann Friedrich Meyer malte 1771 ein Aquarell des Fiakerplatzes. Auf diesem Ausschnitt ist die Pumpe zu sehen, an welcher die Pferde getränkt wurden.

Der Fiakerplatz

Der Reiseführer „Spaziergang durch Potsdam“ von 1839 schreibt, der Volksmund hätte früher die Humboldtstraße, die damals noch Schlossstraße hieß, „Fiakerstraße“ genannt. Ob das allerdings richtig ist, darf angezweifelt werden. Den oben bereits angesprochenen „Fiakerplatz“, also den heutigen Steubenplatz, gab es allerdings wirklich (wenn er auch nie offiziell so bezeichnet wurde). Beweisen kann dies ein Gemälde von Johann Friedrich Meyer, welches insgesamt fünf Droschken zeigt. Zwei sind unmittelbar vor dem Schloss abgestellt und zudem befinden sich dort auch eine Pumpe und eine Tränke, wofür dieser Platz durchaus prädestiniert ist. Wie bereits erwähnt, benennt Friedrich Nicolai 1769 den „Platz am Schlosse“ als Halteplatz für die Miethskuschen, der „auch sonst der ‚Fiacresplatz‘ genannt wird“.

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Ein weiterer Ausschnitt aus Meyers Gemälde. Hier der Blick in die Hohewegstraße (Friedrich-Ebert-Straße). Links der Gasthof „Zum Einsiedler“, rechts die Stadtkommandantur. In der Mitte lässt sich eine weitere Droschke erkennen.

Die Rückkehr der Droschken

Mit der Eröffnung der Eisenbahn im Jahre 1838 kamen immer mehr Besucher aus der nahen Hauptstadt nach Potsdam und so ist schnell „das Bedürfnis eines ‚öffentlichen Fuhrwerks für Personen‘ fühlbar geworden“ (Cosmar). Um dem „Bedürfnis“ Rechnung zu tragen, fanden sich „mehrere Fuhrherren“ der Stadt zusammen und richteten sogenannte Fiaker oder Droschken ein. Solche Fuhrwerke für den Personentransport gab es bereits in Berlin, dessen Wagen den Potsdamern als Vorbild dienten. Cosmar beschreibt diese Wagen 1841 wie folgt:

„Es sind bequeme einspännige Wagen mit Verdeck (meistens Chaisen) zu 2 bis 4 Personen, welche verschiedene Halteplätze in der Stadt und an den Thoren, namentlich an der Teltower Brücke, vor dem Bahnhofe haben“

Bereits 1839 wird im Touristenführer „Spaziergang durch Potsdams Umgebungen“ eine wesentlich umfangreichere Liste angegeben:

„Droschken sollen sich nach dem Reglement aufgestellt finden: Auf dem Bahnhofe und am Obelisk vor der Langen Brücke. Auf dem alten Markt. An der Schloß-Straße bei dem Gasthofe zum Einsiedler. In der Nauener Straße am Wilhelms-Platz. Am Nauner Thore. An der Waisen- und Bäcker-Straßen-Ecke. Auf dem Platz am Brandenburger Thore. Beim Schauspielhause.“

Die Anzahl der haltenden Droschken wurde festgelegt durch das „Reglement für Droschkenfuhrwesen“ vom 22. Juni 1839, welches auf diese Weise verhinderte, dass sich die dreißig vorhandenen Fuhrwerke an einzelnen Punkten stauten. So waren an allen genannten Halteplätzen jeweils drei Fiaker erlaubt, lediglich am Obelisken der Langen Brücke und am Wilhelmplatz war Platz für sechs Fuhrwerke vorgesehen. Laut Reglement hatte das Vorrücken nach der Reihenfolge vor sich zu gehen und täglich von acht Uhr morgens bis elf Uhr abends sollte „Dienst am Publikum“ geleistet werden. Die Kutscher hatten eine „anständige Livree“ sowie gute Hosen, Stiefel und Hüte zu tragen.

Wie Cosmar 1841 weiter zu berichten weiß, ist die Zahl der Potsdamer Fiaker im Vergleich mit Berlin unbedeutend, seien doch in der kleinen Residenzstadt die „Fahr-Touren“ kleiner und auch die Frequenz geringer. Zu den Preisen lässt sich der Führer von 1839 ausführlich aus:

„Die Preise sind regelmentmäßig festgestellt. In der Stadt, den Vorstädten und der Umgegend, wohin Sanssouci, die russische Kolonie, die Glienicker Brücke gerechnet wird, zahlt jede Person für die erste Viertel-Stunde bis 20 Minuten 4 Groschen, zwei Personen bis 20 Minuten einschließlich 5, drei oder vier Personen 8. Eine oder zwei Personen zahlen für 20 bis 35 Minuten einschließlich 7½ [Groschen], für 35 bis 50 Minuten einschließlich 10 Groschen, für 50 – 70 15. Bei Annahme auf mehrere Stunden jede Stunde 15 [Groschen]. Drei oder vier Personen zahlen: für 20 bis 50 Minuten einschließlich 12 [Groschen], für 50 – 70 18. Bei Annahme auf mehrere Stunden für jede [Stunde] 18 [Groschen]. Kinder unter 12 Jahren, mit Ausnahme der Fahrten nach dem Ersten Satze, sind in der genannten Personenzahl nicht begriffen. Sie werden, wenn sie mit einem oder mehreren Erwachsenen fahren, unentgeltlich mitgenommen.“

Noch zehn Jahre später waren die Preise nahezu dieselben, wie man Cosmars Wegweiser von 1851 auf Seite 147 entnehmen kann.

Auch für das Personal der Fahrgäste war gesorgt: „Den Bedienten muss der Kutscher neben sich aufnehmen, wenn die Herrschaft für ihn zahlt“. Dieser Hinweis macht wohl auch deutlich, an welche Art von Publikum sich diese Fuhrwerke richteten. Der einfache Einwohner Potsdams jedenfalls konnte sich diesen Luxus nicht leisten. Überhaupt richtet sich, wie man den Fahrzielen entnehmen kann, dieses Beförderungsangebot vor allem an Touristen und Ausflügler. Erst mit der Einführung der Pferdebahn (1880) wurden auch die Potsdamer selbst angesprochen.

Für Fahrgäste mit den Zielen Neues Palais, Nowawes und Tornow gab es desweiteren die Möglichkeit einer Hin- und Rückfahrt mit der Droschke, wobei nur die Hinfahrt bezahlt werden musste (7½ Groschen für eine oder zwei Personen und 12 Groschen für drei bis vier Personen). Dort konnte man sich dann bis zu einer Stunde aufhalten, während der Kutscher wartete. Die Rückfahrt war im Preis inbegriffen. Eben solche Angebote gab es zur Pfaueninsel, zur Baumgarten- und zur Friedrich-Wilhelms-Brücke. Hier kosteten bis zu vier Personen 18 Groschen (inklusive einer Stunde Wartezeit). Ließ man den Fahrer länger warten, kostete dies pro angefangene Stunde 5 Groschen. Ob die Kutsche übrigens mit einem oder mehreren Pferden bespannt war, spielte hierbei keine Rolle.

Die Fuhrherren

Als namentlich bekannter Fuhrmann ist ein Herr Beeskow zu nennen, den Cosmar als führenden Fuhrmann der Stadt erwähnt. Prof. Kania weiß ebenfalls von Beeskow zu berichten und kann sogar dessen Adresse nennen, Am Kanal 14. Zudem nennt Prof. Kania noch Fuhrunternehmer Zachow in der Französischen Straße 13. Diese Unternehmer hatten mehrere Kutschen und auch Angestellte in ihren Diensten. Sie brauchten sich nicht an das Reglement halten. Sie fuhren direkt vom Bahnhof ab und erhielten daher ihre Genehmigung von der Eisenbahndirektion.

Das Potsdamer Adressbuch von 1927 gibt fünfzehn „Fuhrherren“ für Droschken an, wobei man annehmen kann, dass zu diesem Zeitpunkt – bedingt durch die bequemere Konkurrenz von Straßenbahn und Automobil – ihre Zahl bereits im Abnehmen begriffen war.

Auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es schon eine Art Fahrschein. Es waren Marken, welche der Kutscher „den Fahrgästen statt Quittung giebt“. Auch musste jeder Kutscher ein Exemplar des Tarifaushanges bei sich führen. Trotzdem wird dem Besucher der Stadt empfohlen, „nach entfernteren Punkten zu accordiren“, das heißt sich vorher über den Preis der Fahrt zu versichern. Das Reglement von 1839 sieht vor, dass die „Fahrgäste […] nicht mit Angeboten behelligt werden [sollen]“. Noch 1872 meint Lenz: „doch thut man gut, vor Benutzung des Wagens den Preis mit dem Kutscher festzustellen. Streitigkeiten sind bei der Polizei ([Am] Kanal 63) zu schlichten.“

Die Fuhrgeschäfte scheinen dermaßen gut gelaufen zu sein, dass sie die Einführung der Pferdebahn (1880) und der Elektrischen Straßenbahn (1907) überlebten. Ja sogar anfangs noch den „Autos mit Fahrpreisanzeiger“ (sprich: Taxen) trotzten. 1927 schreibt Prof. Dr. Hans Kania in seinem „Neuen Führer durch Potsdam und Umgebung“:

„Droschken und Autos mit Fahrpreisanzeiger halten am Bahnhofe und an vielen Stellen in der Stadt. Die Kutscher sind mit den Sehenswürdigkeiten Potsdams und seiner Umgebung gut vertraut und stellen gleichzeitig treffliche Führer dar.“

Als sich Prof. Kania 1934 beim Polizeipräsidium nach der Anzahl der Fuhrgeschäfte erkundigt, erklärt ihm dieses, dass in der Stadt noch sieben Droschken tätig seien.

 

Fritz und Peter - Deine Stadtführer für Potsdam

 

Literaturverzeichnis:

Adreßbuch der Städte Potsdam, Nowawes und Werder sowie der Gemeinden Bergholz, Bornim, Bornstedt, Caputh, Crampnitz, Eiche, Fahrland, Geltow, Glindow, Golm, Michendorf, Nedlitz, Nikolassee, Neubabelsberg, Babelsberg-Schloßpark, Potsdamer Forst, Nikolassee, Sacrow und Wannsee für 1927. A.W. Hayn’s Erben. Potsdam. 1927.

Arlt, Dr., K.: Die Straßennamen der Stadt Potsdam. Geschichte und Bedeutung. In: Mitteilungen der Studiengemeinschaft Sanssouci e.V.. Verein für Kultur und Geschichte Potsdams. 4. Jg. 1999. H. 4, bearb. Fassung. http://www.aip.de/~arlt/SGS/strassennamen.pdf (letzter Zugriff 30.09.2012.).

Arlt Dr., K.: Haupbahnhof. In: Wernicke, T., Götzmann, J., Winkler, K.: Potsdam Lexikon. Stadtgeschichte von A bis Z. Verlag für Berlin-Brandenburg. Berlin. 2010.

Cosmar, A.: Ganz Berlin für funfzehn Silbergroschen. Wegweiser durch Berlin für Fremde und Einheimische. Nebst der Zugabe: Potsdam und seine Umgebungen. Verlag. F.H. Morin. Berlin. 1850.

Cosmar, A.: Neuester und Vollständiger Wegweiser durch Potsdam und seine Umgebung für Fremde und Einheimische. Berlin. 1841. Nachdruck der Originalausgabe. Potsdam. 1986.

Giersberg, H.-J.; Schendel, A.: Potsdamer Veduten. Stadt- und Landschaftsansichten vom 17. bis 20. Jahrhundert. Herausgegeben von der Generaldirektion der Staalichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci. 2. Auflage. 1982.

Kania, Prof. Dr., H.L.: Vom Potsdamern Fiaker zur Droschke. In: Waller, K.; Reinholz, M. (Hrsg.): Das alte Potsdam des Prof. Dr. Hans Leopold Kania. Historische Beiträge Kanias in der „Potsdamer Tageszeitung“. Bd. 1. docupoint Verlag. Barleben. 2010.

Lenz, G.F.: Führer durch Potsdam und Umgegend nebst Karten der Stadt, Sanssouci, Umgegend etc. Berlin. 1872.

Nicolai, F.: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten : nebst einem Anhange, enthaltend die Leben aller Künstler, die seit Churfürst Friedrich Willhelms des Großen Zeiten in Berlin gelebet haben, oder deren Kunstwerke daselbst befindlich sind. Berlin. 1769.

Nicolai, F.: Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königl. Residenzstädte Berlin und Potsdam und die umliegende Gegend, enthaltend eine kurze Nachricht von allen daselbst befindlichen Merkwürdigkeiten : In einem bis jetzt fortgesetzten Auszuge der großen Beschreibung von Berlin und Potsdam; Nebst einem Grundrisse der Stadt Berlin. Berlin. 1779.

Spaziergang durch Potsdams Umgebungen. Stuhrsche Buchhandlung. Berlin und Potsdam. 1839. Nachdruck der Originalausgabe. Potsdam.1988.

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