Haus Ersten Ranges – das Potsdamer Palast-Hotel

Ein Hotel an der Langen Brücke, das wegen seines Äußeren zu Diskussionen führt, gibt es nicht nur in unseren Tagen. Mit seiner überbordenden neobarocken Fassade war das 1898 erbaute „Palast-Hotel“ so manchem Potsdamer vor 100 Jahren ein Dorn im Auge. Seine Geschichte soll hier nun kurz erzählt werden.

Es begann mit Schokolade

Im ersten Haus an der Alten Fahrt (ursprünglich noch unter dem Soldatenkönig errichtet) ging 1828 Deutschlands erste Dampfmaschine für die Produktion von Schokolade in Betrieb. Die „Dampf-Chocolade“ der „Potsdamer-Dampf-Chocoladenfabrik“ wurde von den Gebrüdern Johann Friedrich (1793 – 1832) und Carl Ludwig Miethe (1795 – 1870) betrieben. Ihnen folgte in unmittelbarer Nachbarschaft am Blücherplatz übrigens die Jacobs’sche Zuckersiederei, die 1833 ebenfalls eine Dampfmaschine in Betrieb nahm. Beide Firmen leiteten damit den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit im Potsdamer Raum ein.1 Die Schornsteine dieser beiden Fabriken prägten, zusammen mit den Kirchtürmen, jahrzehntelang die Silhouette der Alten Fahrt.

Bis mindestens zum Jahre 1875 blieb die Fabrik in Betrieb und wurde von Albert Friedrich Miethe geführt (1830 – ?), Stadtrat und Vater des später durch seine Pionierarbeit in der Farbfotografie bekannt gewordenen Adolph Miethe (1862 – 1927). Bis zum Jahre 1890 blieb das Haus in der Humboldtstraße 1 im Familienbesitz und wurde dann offensichtlich veräussert.2

Von der Fabrik zum Gasthof

Wenn wir einem Bericht der „Potsdamer Tageszeitung“ von 1956 Glauben schenken, wurde im Haus an der Humboldtstraße 1 zunächst noch eine Bierhalle eröffnet:

„Es war eine einfache Einkehr, in der Potsdamer Handwerker und dienstfreie Soldaten sich hinter einem Glas Bier oder einer ‚Potsdamer Stange‘ niederließen, einen kleinen Plausch hielten oder ein Spielchen machten. Abends saßen auch ein paar feiernde Bürger und unterhielten sich über die Zeit oder ereiferten sich über die Politik. Auch durstige Ausflügler machten hier auf dem Weg vom Bahnhof nach Sanssouci die erste Station […]“

HAEMMERLING, K.: Gastronomische Reise in die Vergangenheit. Teil VII. Gegenüber dem Stadtschloß. In: Potsdamer Tageszeitung. Nr.44. 1956. S.4.

Die Bierhalle verschwand zusammen mit dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Miethe ab 1896 und machte bis 1900 einem Neubau Platz, der den Geschmack des Kaisers Wilhelm II. getroffen haben dürfte. Direkt gegenüber dem Stadtschloss erhob sich nun ein neobarocker Bau, der das Schloss mit seinem sparsamen Fassadenschmuck gänzlich in den Schatten stellte (und das auch im wahren Wortsinne). Es entstand Potsdams wohl vornehmste Adresse, das Palast-Hotel. Schon zu diesem Zeitpunkt gab es etliche kritische Stimmen in Hinblick auf die Wucht, mit welcher der brokatige Bau die Ecke an der Langen Brücke dominierte. Unter den Nazis sollte die Fassade „entschärft“ werden, wie jene der Hauptpost oder des einstigen Warenhauses Lindemann & Co (seit 1931 Karstadt). Zu einer Umsetzung der Pläne kam es jedoch nicht mehr.

„Haus allerersten Ranges. Intimes Weinrestaurant mit feinster Küche. Herrliche Aussicht auf Wald und Wasser. Zimmer und Salons mit Balkon. […] Behagliche Gesellschaftsräume und Festsäle. Eingang von der Humboldtstraße.“

VERKEHRS-VEREIN POTSDAM e.V. (Hrsg.): Neuer Führer durch Potsdam und Umgegend. 12. Auflage. Potsdam. 1926.

So warb das Hotel um seine Besucher. Und tatsächlich – die Ausstattung konnte sich sehen lassen. Den Gästen standen 30 Einzel- und 35 Doppelzimmer zur Verfügung. Diese waren mit bequemen Möbeln, Gemälden und Gobelins ausgestattet und kosteten 1928 zwischen fünf und neun Mark. Ein Teil der Zimmer hatte zudem Bäder mit fließendem Wasser.
Das repräsentative Hotel verfügte über elektrisches Licht, Zentralheizung und einen Personenaufzug. Später wurde auch eine Garage eingerichtet.

Palast-Hotel Potsdam
Der Haupteingang zum Hotel befand sich an der Humboldtstraße und war über die Treppe links im Bild zu erreichen. Unter dem Konterfei Friedrichs des Großen hatte die Zigarettenfabrik Loeser & Wolff ihren Laden eingerichtet. Links ist die Bittschriftenlinde zu sehen. Foto: Städtische Lichtbildstelle Potsdam. http://www.museum-digital.de. Sammlung des Potsdam Museums.

Besonders beliebt bei Hotelgästen – aber auch bei den Potsdamern – war die große Terrasse direkt an der Alten Fahrt. Sie verfügte über einen eigenen Bootsanleger für Dampfer und Motorboote und ermöglichte den Blick auf die grüne Freundschaftsinsel. Besonders gern bestellte man hier die sogenannten „Kullerpfirsiche“, eine Spezialität des Hauses. Die Pfirsiche wurden in perlendem Sekt gereicht und drehten sich.5

Seit dem Jahre 1908 gehörte das Haus Rudolf Teichmann, der 1906 nach Potsdam gekommen war. Neben seiner Tätigkeit als Gastwirt war er Vorstandsmitglied im Deutschen Gastwirteverband, Mitglied des vorläufigen Reichswirtschaftsrates der Weimarer Republik und Stadtrat in Potsdam.

Ohne Titel

Kofferaufkleber des Palast-Hotels. Quelle: Flickr-User Art of the Luggage Label

Bis zum Jahre 1929 leitete er das Hotel und das dazugehörige Terrassenrestaurant „Haus Rudolf Teichmann“ (früher „Zum Schultheiß“) in Eigenregie. Hier verkehrte bereits zu diesem Zeitpunkt alles, was in der Weimarer Republik Rang und Namen hatte. So etwa der Generalfeldmarschall Hindenburg oder die Hohenzollernprinzen Eitel Friedrich und Oskar. Auch der Johanniterorden hielt seine Feste im Palast-Hotel ab.

Aus gesundheitlichen Gründen verpachtete Teichmann 1929 das Hotel und die Nebenbetriebe mit allem Inventar an die Berliner Kindl-Brauerei. Diese beauftrage zunächst einen gewissen Herrn Schwarz mit der Bewirtschaftung. Nach dessen Tod übernahm 1937 Heinrich Kreuzer mit seiner Frau den Betrieb.6

Mit Kriegsbeginn blieben die ausländischen Gäste aus und die Küche musste im Zuge der Markenwirtschaft ihr Angebot erheblich einschränken. Gedünstete Kohlblätter mit heimlich darin eingewickeltem Fleisch gehörte nun zu den Spezialitäten. Auch Feste wurden weiterhin abgehalten, Musik und Tanz waren jedoch verboten.

Das Ende der Eleganz

Mit dem Luftangriff vom 14. April 1945 war es dann auch damit schlagartig vorbei. Zunächst sah es noch ganz gut aus für das Hotel. Zwar waren Fensterscheiben zersprungen und Möbel durcheinander geworfen worden, im Verhältnis zu den Gebäuden in der Umgebung waren die Schäden aber übersichtlich. Nur eine kleine Brandbombe hatte das Haus getroffen. Personal und Hotelgäste, die die Zeit des Luftangriffs im Keller des Hauses verbrachten, löschten den Brand schnell. Doch war man angesichts des Feuers, das aus den Nachbarhäusern übergriff, hilflos. Durch das Treppenhaus fraßen sich die Flammen und drangen schnell in die einzelnen Zimmer ein. Das Hotel brannte gänzlich aus.7

Es waren auch seine Ruinen, die letztlich das Ende der Bittschriftenlinde herbeiführten. Der Baum hatte schwer beschädigt den Luftangriff überstanden und im Jahr danach auch wieder ausgetrieben. Wahrscheinlich im Zuge der Sprengung vom 24. März 1948 stürzten jedoch Teil der Ruinen des Palast-Hotels auf die Linde. Der übel zugerichtete Rest wurde im Januar 1949 von Mitgliedern der FDJ beseitigt.8

Im Zuge der Ausgrabungsarbeiten auf dem Grundstück des früheren Hotels kamen noch einmal Relikte des längst vergangenen Glanzes zum Vorschein. Mitarbeiter der Archäologie-Manufaktur GmbH bargen Teile von Kronleuchtern, Geschirr und Besteck, unzählige zerbrochene Bierkrüge und Porzellan mit der Hotelvignette aus den Kellern des Palast-Hotels. Außerdem wurde auch ein kleiner „Schatz“ in Form von Spielgeld gefunden. Ein Kind hatte es wohl auf der Terrasse verloren und das Geld war danach im Uferschlick gelandet.9

Mit dem Wiederaufbau der Humboldtstraße ist das Palast-Hotel nicht zurückgekehrt. Seine Fassade wurde wohl zurecht als zu aufdringlich angesehen. Lediglich die alte Kastanie, wohl im Zuge des Hotelneubaus gepflanzt, hat alle Wirren der Zeit überstanden und prägt noch heute den neuen Otto-Braun-Platz am Stadtschloss.

Fritz und Peter - Deine Stadtführer für Potsdam

1 UHLEMANN, M; RÜCKERT, O.: Potsdam. Geschichte der Stadt in Wort und Bild. Berlin. 1986. S.66.

2 ARLT, Dr. K.: Palast-Hotel. In: WERNICKE, T.; GÖTZMANN, J.; WINKLER, K.: Potsdam Lexikon. Stadtgeschichte von A bis Z. Berlin. 2010. S. 289f.

5 HAEMMERLING, K.: Gastronomische Reise in die Vergangenheit. S.4.

6 Blütezeit des Palast-Hotels auch vor 1933. In: Potsdamer Tageszeitung. Nr. 51. 1956. S.4.

7 HAEMMERLING, K.: Gastronomische Reise in die Vergangenheit. Teil VII. Gegenüber dem Stadtschloß. In: Potsdamer Tageszeitung. Nr.44. 1956. S.4.

8 „Vom Ende der Bittschriftenlinde“. Erinnerungen Heinz Friedrich Wolffs in einem Leserbrief abgedruckt in der Potsdamer Tageszeitung. Nr. 17. 1955. S.5.

9 http://www.pnn.de/potsdam/649196/

Quellen:

BERG, H.: Die verlorene Potsdamer Mitte. Berlin. 1999.

Griebens Reiseführer. Band 10. Potsdam und Umgebung. 45. Auflage. Berlin. 1928.

POTSDAMER VERKEHRSVEREIN (Hrsg.): Illustrierter Führer durch Potsdam. 8. Auflage. Potsdam. 1910.

UHLEMANN, M; RÜCKERT, O.: Potsdam. Geschichte der Stadt in Wort und Bild. Berlin. 1986. S.66.

WERNICKE, T.; GÖTZMANN, J.; WINKLER, K.: Potsdam Lexikon. Stadtgeschichte von A bis Z. Berlin. 2010.

VERKEHRSVEREIN POTSDAM E.V. (Hrsg.): Was der Fremde wissen muß, wenn er Potsdam besucht. Undatierte Informationsbroschüre nach 1933.

verschiedene Ausgaben der Potsdamer Tageszeitung. Berlin 1955/1956.

http://www.pnn.de/potsdam/649196/

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