„Ich bin eines Bürgers Haus!“ – Palazzo Pompei

Teil 2. Fortsetzung der Artikelreihe zu den Leitbauten am Alten Markt.
Hier finden Sie Teil 1 (Einführung) und Teil 3 (der Palast Barberini)

Alles nur Fassade …

„Palazzo Barberini“, „Palazzo Chiericati“ und „Palazzo Pompei“ – mit diesen wohlklingenden Namen werden jene Bauten angepriesen, die in den letzten Monaten in das Stadtbild Potsdams zurückgekehrt sind. Sie verleihen der Südseite des Alten Markts wieder jenes Antlitz, welches er seit der Zeit Friedrichs des Großen und bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs hatte.

Wesentlich profaner wurden die Bauten noch von Friedrichs Zeitgenossen bezeichnet. So etwa von Friedrich Nicolai, der die heutige Humboldtstraße im Jahre 1786 (damals noch „Schloß- oder Brauerstraße“) durchschritt und statt der italienischen Palazzi den Segerschen Gasthof „Zum Roten Adler“ (Palazzo Pompei), das Noacksche Haus (Palazzo Chiericati) und das Schulzische und Dieckowsche Haus (Palazzo Barberini) vorfand.

Tatsächlich ist es genau diese Differenz zwischen den hochtrabenden italienischen Namen und den einfachen, bürgerlichen Bezeichnungen, die deutlich machen, wofür diese Bauten stehen. Sie waren eben keine italienischen Paläste und doch viel mehr als einfach nur hübsche Häuser. Zusammen mit dem Stadtschloss und dem Alten Rathaus lassen sie wieder jenes Kunst- und Herrschaftsverständnis erahnen, welches König Friedrich II. in Potsdam zur Schau stellen wollte.

Heftig wurde und wird in Potsdam um den Sinn von Rekonstruktionen gestritten, um Kopien, die keine eigenständige Architektur seien, um die „Schaufassaden“, hinter denen sich nichts von dem verberge, was sie vorgeben. Ein Blick in die Geschichte dieser drei Meisterwerke gestriger und heutiger Baukunst macht jedoch deutlich, dass Kopie und Fassade in Potsdam bereits vor Jahrhunderten System hatten.

Der Gasthof „Zum Roten Adler“ – Palazzo Pompei

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Das Haus Humboldtstraße 3 um 1891
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Palazzo Pompei um 1900 mit wiederhergestellter Fassade

Wie anfangs bereits erwähnt, spricht Nicolai in seiner 1786 erschienenen „Beschreibung der königlichen Residenzstadt Potsdam“ vom „Segerschen Gasthof, Zum Roten Adler“. Der Gastwirt Seger (oder Säger) ist jedoch nicht derjenige, für den das prachtvolle Gebäude mit der Adresse „Am Schlosse Nr. 3“ errichtet wird. Vielmehr ist es der Gastwirt Johann Friedrich Schmidt 1, der 1754 „gerade dem Querdurchgange des Schlosses an der Havelseite entgegen“2 ein Haus ausgeführt bekommt. Verantwortlicher Architekt ist Carl (Christian) Lud(e)wig Hildebran(d)t (1720–1770), der seit eben diesem Jahre 1754 zusammen mit Johann Gottfried Büring (1723–1788) das „hiesige königliche Bauwesen besorgte“3. Der König hatte für bestimmte innerstädtische Blickachsen Bauten Palladios zur Kopie auserkoren. Im Zuge dieser Bauten entstanden auch Kopien anderer italienischer Architekten wie etwa des Veronesen Michele Sanmicheli (1484–1559) und des Florentiners Ferdinando Fuga (1699–1782).

Eine dieser Sichtachsen ergab sich durch die Kutschdurchfahrten am Stadtschloss, die vom Portal des Marstalls eine Durchfahrt und eben auch einen Durchblick bis zur Straße Am Schlosse bzw. Humboldstraße erlaubten. Genau gegenüber einer dieser Durchfahrten entstand der Gasthof „Zum Roten Adler“ (im Berghaus-Plan von 1845 „Goldener Adler“)

Friedrich beauftragte Hildebrandt mit der Adaption des 1535 bis 1540 von Sanmicheli in Verona erbauten Palazzo Pompei. Sanmicheli hatte den Palast für die Adelsfamilie Lavezzola entworfen, die den Bau jedoch bereits im Jahre 1579 an die Familie Pompei verkaufte.4

Hildebrandt überführte den italienischen Palast in Potsdamer Maßstäbe, indem er statt der 63 Veroneser Fuß, die einer Länge von knapp 22 Metern entsprechen, 63 rheinische Fuß verwendete. Die Potsdamer Fassade ist damit knapp zwei Meter schmaler als das Original. Zudem verfügt der Palast in Verona nur über zwei Stockwerke, Hildebrandt brachte in Potsdam drei Etagen hinter der Fassade unter. Hierzu machte er sich die erhöhte Attika zunutze.

Die Beschreibung Mangers lässt auf den ersten Blick keinen Unterschied zum Veroneser Palast erkennen:

„Das untere Stock ist rustik, die beiden obern aber enthalten acht dorische kanelürte Wandsäulen. In dem Friese des Hauptgesimses sind Trygliphen, deren deren 30 Melopen [Gottfried] Heyne mit Schildern, Skelets etc. verzieret hat. Die sieben Fenster des zweites Geschosses haben perspektivische Seiten und Bogen nebst dergleichen Imposten, und deren Schlußsteine sind Köpfe, die, so wie der im Bogen der Thoreinfahrt, Heyne verfertigte. Von ebendemselben sind auch die sechs Vasen auf der Attik.“5

Vergleicht man die beiden Bauten jedoch direkt miteinander, wird klar, dass bei allen Vorgaben des Königs, Hildebrandt durchaus ein eigener, der Potsdamer Baugewohnheit und dem Zeitgeschmack 6 entsprechender Entwurf gelungen ist. Im Gegensatz zu Sanmicheli betont der Potsdamer Architekt etwa die breitere Mittelachse zusätzlich durch eine Balkontür mit einem perspektivischen Gewände und einem Balkon mit konvexer Bodenplatte. Hildebrandt verzichtet auf die äußeren Pilaster und konzentriert sich gänzlich auf eine symmetrische Reihung der Säulen.

Besonders „postdamerisch“ ist jedoch die ausgebaute Attika, die zudem mit Vasen geschmückt ist. Fast als obligatorisch sieht Mielke für Potsdam auch den Kopf über der Toreinfahrt. An seiner Stelle trifft man in Verona auf ein Wappenschild. Auch die Schlusssteinköpfe des Obergeschosses stellen eine Potsdamer Eigeninterpretation dar: während das Veroneser Original Löwenköpfe und römische Kaiserbüsten im Wechsel zeigt, präsentiert die Potsdamer Adaption Masken, deren Bedeutung jedoch bisher nicht geklärt werden konnte.7

Mielke sieht daher in dieser Fassade auch „ein Musterbeispiel dafür, dass ein Renaissancepalast unter Beibehaltung seiner ursprünglich geplanten Struktur durch kleine, aber wesentliche Änderungen zu einem barocken Gebäude wurde.“8 Oder wie es Fritz Stahl ausdrückte:

„es wurde doch aus dem Palast immer ein Haus, ein Haus, das nicht ganz ehrlich war […] und eine allzu anspruchsvolle Schauseite zeigte, aber doch auch nicht plump log, sondern hinter dem großartigen Gewand ganz zutraulich blinzelte […]: ‚Ich bin eines Bürgers Haus!’“9

Ein kurzer Blick hinter die Kulissen 

Wie lange der Gasthof zum Roten bzw. Goldenen Adler existierte, lässt sich nicht erkunden. Im Wohnungsanzeiger von 1882 taucht er jedenfalls nicht mehr auf. Dieser nennt als Eigentümer des Hauses den Cigarren- und Tabakhändler E. Kaufmann. Sein Geschäft befand sich im Erdgeschoss linkerhand. Zudem hat sich der Essig- und Liqueur-Fabrikant A. Dufft im Haus eingemietet und betreibt dort seine Fabrik und den Verkauf seiner Produkte wie Frucht- und Sprit-Essig, Liköre, Cognac usw.. Weitere Bewohner sind die Sattlermeisterwitwe Christwein, geb. Dietrich, der Obsthändler C. Schulz (sein Laden befand sich im Kellergeschoss rechts der Toreinfahrt), der Schlossergeselle Reinicke, der Arbeiter H. Penn, die verwitwete Geschirrhändlerin W. Kiese (ihr Geschäft befand sich im Keller links neben der Toreinfahrt). Außerdem der Kaufmann R. Seiffart, die verwitwete Schulvorsteherin von Stangen, die Kastellanswitwe M. Kleinert, geb. Reinicke und Herr W. Kunow, Streckenwärter bei der Potsdamer Pferdebahn. Noch bis Ostern 1882 hatte sich auch der Frauen-Erwerb-Verein im Hause eingemietet.

Um 1890 änderte sich die Konstellation noch einmal: die Essig-Fabrik wurde zunächst vom oben genannten Kaufmann R. Seiffart übernommen, später von seinem Sohn Richard weitergeführt. Sowohl die Geschirrhandlung als auch der Obstladen wurden von einer Familie Nouling übernommen.

Die Fassade des Hauses erlebte in den gut 190 Jahren ihrer Existenz einige Umbauten. So wurden die beiden Erdgeschossfenster links und rechts der Toreinfahrt zu Schaufenstern vergrößert. Auch wurden überdachte Kellereingänge in der zweiten und siebenten Achse (v.l.n.r.) angebaut, die den oben genannten Läden einen Zugang ermöglichten. Zwischenzeitlich ging zudem auch der Balkon verloren. Nach 1900 wurde die Fassade jedoch wieder in den Ursprungszustand versetzt und präsentierte sich somit bis zum 14. April 1945 fast unverändert. In jener Nacht ging das Haus zusammen mit dem Nachbargebäude im Bombenhagel unter. Das Luftbild der Royal Airforce vom 16. April zeigt nur noch einen Schutthaufen anstelle der einstigen Palast-Kopie.

Der Wiederaufbau

Beim seit 2013 erfolgten Wiederaufbau der Fassade kamen auch drei der originalen Sandsteinmasken wieder zum Einbau (über der ersten, dritten und fünften Achse v.l.n.r.), die aus dem Schutt geborgen wurden. Zumindest eine von ihnen, die Maske der 5. Achse v.l.n.r. lag noch in den späten 1950er Jahren im Innenhof der Stadtschlossruine 10. Spätestens im Zuge der Beräumung des Stadtschlosses kamen die Masken auf den Schirrhof der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und wurden dort eingelagert. Vor dem Wiedereinbau wurden sie steinkonservatorisch instandgesetzt. Die neuen Masken über der Rundbogenöffnung des Tores und über denen der Fenster im Obergeschoss sind eine Nachschöpfung des Bildhauers Dirk Brüggemann aus dem sächsischen Trebsen. Sie entstanden unter bildhauerischen Anleitung von Rudolph Böhm, dem ehemaligen leitenden Restaurator für die Bildhauerwerke und Skulpturen der Preußischen Schlösser und Gärten. Geschlagen wurden die Sandsteinköpfe von Bildhauern der sächsischen Sandsteinwerke in Pirna.11 Der gesamte übrige bauplastische Schmuck wurde aus gelblichem Cottaer Sandstein nach alten Fotografien und Zeichnungen rekonstruiert.12

Die Fortsetzung über den Palast Barberini finden Sie hier.

 

Fritz und Peter - Deine Stadtführer für Potsdam

 

Quellen

1 http://www.kondorwessels.com/index.php?id=18&timeline=1&idpj=299&ddScrollTop=0

2 MANGER, H.L.: Baugeschichte von Potsdam. I. Band. Reprint der Originalausgabe von 1789/90. Leipzig. 1987. S.185.

3 MANGER, H.L.: Baugeschichte von Potsdam. III. Band. Reprint der Originalausgabe von 1789/90. Leipzig. 1987. S.629.

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Palazzo_Pompei

5 MANGER, H.L.: Baugeschichte von Potsdam. I. Band. Reprint der Originalausgabe von 1789/90. Leipzig. 1987. S.185.

6 MIELKE, F.: Das Bürgerhaus in Potsdam. In: BINDING, G. (Hrsg.): Das deutsche Bürgerhaus.Tübingen. 1972. S. 323.

7 Auskunft durch die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Potsdam vom 15.12.2015.

8 MIELKE, F.: Das Bürgerhaus in Potsdam. In: BINDING, G. (Hrsg.): Das deutsche Bürgerhaus.Tübingen. 1972. S. 323.

9 STAHL, F.: Potsdam. Eine Biographie. Berlin-Wien. 1928. S.91f.

10 Vgl. Foto der Maske bei: THIELEMANN, C.: Der Untergang des Potsdamer Stadtschlosses. Fotografien von Herbert Posmyk. Berlin. 2016. S. S.51, Bild oben links.

11 Auskunft durch die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Potsdam vom 15.12.2015.

12 http://www.kondorwessels.com/index.php?id=18&timeline=1&idpj=299&ddScrollTop=0

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