„Ich bin eines Bürgers Haus!“ – Das Noacksche Haus

Teil 4. Schluss der Artikelreihe zu den Leitbauten am Alten Markt.
Hier finden Sie Teil 1 (Einführung)Teil 2 (der Gasthof „Zum Roten Adler“) und Teil 3 (Palais Barberini).

Das Noacksche Haus

Als letzter der drei besprochenen Bauten entstand das sogenannte Noacksche Haus im Jahre 1777 für den Bürger Noack in der Straße Am Schlosse (Humboldtstraße) Nr. 4. Es ist eines der letzten Werke, die der 1764 aus Bayreuth nach Potsdam gekommenen Karl von Gontard für die Residenzstadt entwarf. Wie wir bei Manger nachlesen können, führte er von 1765 bis 1777 in Potsdam mehr als siebzig ansehnliche Privatgebäude im Werte von mehreren Millionen Talern aus.1

Ein schwieriges Terrain

Gontard musste für dieses letzte in der Regierungszeit Friedrichs des Großen in der Humboldtstraße errichtete Gebäude mit einem Grundstück Vorlieb nehmen, welches mit einer Breite von nur knapp 13 Metern denkbar ungeeignet für eine repräsentative Fassade war. Es handelte sich um die Fläche zwischen den beiden zuvor besprochenen Bauten des Palais Barberini und dem Palazzo Pompei. Hier stand ein wenig repräsentativer Vorgängerbau aus der Zeit des Soldatenkönigs.2

Neben der geringen Grundstücksbreite galt es auch die Differenz in der Bauhöhe zwischen dem dreigeschossigen Schmidtschen Haus (Palazzo Pompei) und dem fünfgeschossigen Palais Barberini auszugleichen. Manger erklärt, wie Gontard diese „Verlegenheit bey Befertigung des Entwurfs der Aussenseite“3 kunstvoll zu überwinden wusste:

„Um nun die Lücke zwischen gedachten beyden Häusern schicklich auszufüllen, ordnete er über dem Erdgeschosse eine Kolonnade von sechs freystehenden dorischen Säulen mit einer Balustrade, die einen Altan längst des Hauses formirte, und über welcher noch zwey Geschoß mit einem sehr verzierten Mittelfenster in die Höhe gingen. Ueber diesem Geschosse kam wieder eine mit sechs Figuren verzierte Balustrade.“4

Die Figuren auf der Balustrade wurden von den Bildhauern Rudolph Kaplunger, den Gebrüdern Wohler und Johannes Eckstein geschaffen. Zu ihnen gesellen sich noch zwei Hermen und zwei Kinder rund um das Mittelfenster des zweiten Geschosses, die Manger ebenfalls diesen Bildhauern zuordnet.

Das Noacksche Haus im Jahre 1891.
Foto: James Aurig. Quelle: Wikipedia. Aus: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, IV. Jahrgang 1891, Tafel 102.

Die Figuren auf der Attika

Die sechs Attikafiguren stellen keine Meisterwerke dar. Wie Mielke festhält, lässt die steife Haltung der Figuren ahnen, dass es dem König, der stets auf eine sparsame Verwendung der von ihm zur Verfügung gestellten Gelder achtete, mehr um die Quantität an Figuren, als um ihre Qualität ging.5 Betrachtet man die Figuren näher, so fällt auf, dass sie alle einen sehr eng geschlossenen Umriss zeigen. Für die Bildhauer jener Zeit war es üblich, sowohl die Figur selbst als auch ihre Attribute aus einem Block zu schlagen. Je enger die Umrisslinien geschlossen waren, umso preiswerter war die Herstellung der Figur.6

Ein spezielles Potsdamer Merkmal stellt die Figur ganz rechts auf der Balustrade dar. Denn bei aller Freizügigkeit, die man im 18. Jahrhundert in der Bildhauerkunst an den Tag legte, bedeckte man doch bestimmte Körperstellen üblicherweise mit einem wie zufällig wehenden Gewandzipfel. In Potsdam ist dies jedoch oft nicht der Fall. Mielke schreibt diese Offenheit den Wünschen des Königs zu, dem bereits seine Zeitgenossen eine Neigung zu gewagten Darstellungen nachsagten.7

Die Aufstellung der Figuren auf dem Noackschen Haus charakterisiert Mielke als recht sorglos und mehr zufällig als überlegt. Sie seien „von einer interpretierbaren Aufgabe gelöst […] und [dienen] allein der architektonischen Verpflichtung als Dekor.8
Andererseits lassen sich bei den Skulpturen anhand ihrer Attribute durchaus Überlegungen zu ihrer Bedeutung anstellen. Nutzer des Forums Stadtbild Deutschland 9 deuteten die Figuren recht überzeugend.

Die Figuren des Noackschen Hauses in Potsdam.
Die Figuren des Noackschen Hauses in Potsdam. Von links nach rechts: Apoll, Klio, Artemis, Apoll, Venus (?), Mars (?)

Die Lyra und der Haarknoten lassen die Figur äußerst links als Apoll erkennen. Ihm beigesellt erscheint eine der Musen, die sich durch die Schriftrolle als Klio (Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung) zu erkennen gibt.
Beim folgenden Paar handelt es sich wahrscheinlich um das Zwillingspaar Artemis und (erneut) Apoll. Aufgrund ihrer engen verwandtschaftlichen Beziehung wurden sie oft gemeinsam dargestellt.

„Artemis verschmolz schon früh mit der Mondgöttin Selene / Luna, daher die Mondsichel. Apoll wird wie üblich in jugendlich-strahlender Schönheit abgebildet und trägt auch hier wie fast immer einen kurzen Chiton. Der Köcher mit den Pfeilen und der Bogen gehören zu seinen Attributen.“10

Auch die ungewöhnlichen Hörner lassen sich deuten. Sie seien aus dem Mythos zu erklären, nachdem

„Apoll als Vierjähriger auf der Insel Delos, wo er und Artemis geboren waren, einen Altar aus den Hörnern der von Artemis erlegten Tiere [errichtete]. Dieser Hörneraltar war ein hochverehrtes Heiligtum im alten Griechenland. Wie Artemis mit Selene verschmolz, so verschmolz in einigen Regionen Griechenlands Apoll mit der Gottheit Karneios. Dieser Apollon Karneios wurde mit Widderhörnern dargestellt (Karneios = Widder). In Sparta gab es sogar ein eigenes Fest zu Ehren des Widder-Apollon, die Karneia.“11

Die beiden Figuren ganz rechts lassen sich mangels erklärender Attribute nicht sicher deuten.

„Bei der weiblichen Gestalt, bei der mir der Aspekt der Schönheit und eines wohlgeformten Leibes im Vordergrund zu stehen scheint, dürfte es sich um Venus / Aphrodite handeln, ihr beigesellt dann am ehesten der Kriegsgott Mars / Ares. Die beiden verband zeitweilig eine stürmische Liebesbeziehung. Ähnlich muskelbepackt sind zwar auch Darstellungen des Herkules und die Armhaltung erinnert an eines der bekanntesten antiken Bildwerke dieses Halbgottes, nämlich den Herkules Farnese, der in der auf den Rücken gewendeten Hand die gestohlenen Äpfel der Hesperiden hält, aber ich finde die Kombination Venus / Mars schlüssiger, zumal Mars auch meist in sehr jugendlicher, bartloser Gestalt zu sehen ist, während Herkules einen sehr maskulinen Vollbart trägt.“12

Anhand der oben angeführten Deutung lässt sich also ein Gesamtprogramm interpretieren. Demnach können die sechs Figuren in zwei gegensätzliche Gruppen eingeteilt werden – jene die Frieden und Liebe verkörpern (Apollon Musagetes, Klio und Venus) und jene, die kriegerische Aspekte darstellen (Apoll mit Pfeil und Bogen, Artemis und Mars). In diesem antithetischen Figurenprogramm seien zwei Konstanten verbunden, die auch Friedrichs Leben bestimmten – Krieg und Kunst.13

Interpretation statt Kopie

Die für die Potsdamer Architekturlandschaft ungewöhnliche Gestaltung einer in grauem Sandstein ausgeführten Fassade lässt vermuten, dass dem Entwurf eine ausländische Anregung zugrunde lag. In den letzten Jahren wird immer wieder der Palazzo Chiericati im italienischen Vicenza genannt. Diesen seit 1550 für den Grafen Girolamo Chiericati errichteten Palast hatte Andrea Palladio entworfen. Tatsächlich lassen sich an dem italienischen Bauwerk ähnliche architektonische Formen erkennen wie sie auch das Potsdamer Pendant aufweist. Die Unterschiede zwischen dem italienischen Palast und dem Potsdamer Bürgerhaus sind jedoch so groß, dass hier unbedingt eine Feststellung Otto Sarazzins und Oskar Hoßfelds gilt. Sie hielten fest, gerade auf dem Gebiet der Bürgerbauten sei von Gontard

„sehr bemerkenswerthes geleistet worden, was um so höhere Anerkennung verdient, als er wohl oft genug mit der Neigung des Königs für eine großartige Scheinarchitektur zu kämpfen hatte. Bei im ganzen doch ziemlich geringen Mitteln ist er in diesen Facaden stets bemüht, durch Auflösung der strengen Architektur in mehr decorative Motive und Gliederungen eine selbständige und gefällige, aber überall würdige Auffassung zu verwirklichen.“14

Die im Zuge des Wiederaufbaus erfolgte Vermarktung als „Palazzo Chiericati“ ist also nicht nur sehr weit hergeholt, sie ignoriert auch die eigenständige Leistung Gontards.

Der Palazzo Chiericati in Viczenza.
Der Palazzo Chiericati in Vicenza. Ein sehr entfernter Verwandter des Noackschen Hauses in Potsdam.

Die Bewohner des Hauses

Werfen wir einen kurzen Blick auf die bekannte Bewohnerschaft des Hauses, die über die Jahre ein recht abwechslungsreiches Bild abgibt. Das Adressbuch von 1882 nennt die Witwe und Rentiere Huguenell (geb. Fritsche) als Eigentümerin des Hauses. Mit ihr lebt ein B. Huguenell, seines Zeichens Apotheker, amtlicher Fleischbeschauer und wahrscheinlich ihr Sohn. Außerdem mit im Haus wohnen noch die Hofjägerwitwe Kunze (geb. Witte) und der Königliche Balettmeister a.D. Rönisch15

Im Jahre 1927 gehört das Haus dem Bildhauer und Kunststeinfabrikanten Heinrich Moldenhauer. Die Wohnungen im Hause hat dieser an den Werkführer Georg Balke, den Rittmeister a.D. Bronsart von Schellendorf und den Rechtsanwalt Axel Freiherr von Koehler-Riborn vermietet. Außerdem bewohnen das Haus die Witwen Marie Woigk, Alma Rieschler, Luise Gutschke und Berta Brandt sowie der pensionierte Lehrer Eduard Krüger und der Oberkellner Ernst Strauß.16

1938/39 ist Moldenhauer noch immer Eigentümer, man erreicht ihn übrigens unter der gleichen Telefonnummer wie schon 1927 – nämlich der 3021. Die Mieter sind jedoch inzwischen allesamt andere: im Haus leben nun der Oberstleutnant Brückner, der Kaufmann Heinrich Cornils, die Kassiererin Margarethe Fugh, der Feldwebel Willi Kelber, der Telegraphen-Inspekteur Richard Klang, der Oberzollsekretär Seidel, der Kraftwagenführer Seifert und die Lehrerin Camilla Wolter. Auch drei Witwen leben hier: Ella Jacobi, Alma Märkisch und Antonie Zunke. Außerdem Hedwig Reuter, über deren Tätigkeit sich das Adressbuch ausschweigt.17

Zerstörung und Wiederaufbau

Beim verheerenden Luftangriff vom 14. April 1945 wurde das Noacksche Haus gänzlich zerstört. Spätestens im Zuge des Theaterneubaus auf dem Alten Markt Ende der 1980er Jahre wurden auch die Fundamente des Hauses beseitigt.

Noacksches-Haus_Potsdam_Wiederaufbau_01

Der Wiederaufbau des Noackschen Hauses begann gleichzeitig mit dem des Palazzo Pompei im Jahre 2013 und genau wie beim Wiederaufbau des Palazzo Pompei lag auch beim Noackschen Haus die Planung der historischen Straßenfassaden beim Potsdamer Architekten Bernd Redlich. Der hiesige Bauingenieur und Historiker Andreas Kitschke betrieb die umfangreiche Aktenrecherche und war mit der Beschaffung historischer Unterlagen betraut. Für die digitale zeichnerische Rekonstruktion war Andreas Aulig verantwortlich.
Die Bildhauerarbeiten an beiden Hausfassaden wurden durch den Trebsener Bildhauer Dirk Brüggemann ausgeführt. Für die künstlerische Begleitung war der Potsdamer Bildhauer Rudolf Böhm verantwortlich. Die Naturstein- und Bildhauerarbeiten setzten die Sächsischen Sandsteinwerke um, für die Stuckatur zeichneten Stuckateurmeister Matthias Pieske und Restauratorin Bettina Kath verantwortlich. Im September 2016 konnten die fertigen Fassaden der Häuser Humboldtstraße 3 und 4 präsentiert werden.

 

 

Fritz und Peter - Deine Stadtführer für Potsdam

 

Quellen

1 MANGER, H.L.: Baugeschichte von Potsdam. III. Band. Reprint der Originalausgabe von 1789/90. Leipzig. 1987. S. 634.

2 MIELKE, F.: Das Bürgerhaus in Potsdam. In: BINDING, G. (Hrsg.): Das deutsche Bürgerhaus. Tübingen. 1972. S. 57.

3 MANGER, H.L.: Baugeschichte von Potsdam. II. Band. S. 423.

4 Ebd.

5 MIELKE, F.: Das Bürgerhaus in Potsdam. S. 483.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 www.stadtbild-deutschland.org/forum/index.php?thread/2790-quartier-barberini-und-alte-fahrt/&pageNo=44

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 SARRAZIN, O.; HOßFELD, O.: Leben und Wirken Karl v. Gontards. In: Centralblatt der Bauverwaltung. Nr. 42/1891. Berlin 1891. S. 418.

15 Eigentümer und Bewohner lt. Allgemeinem Wohnungsanzeiger von 1882 S. 220.

16 Eigentümer und Bewohner lt. Adreßbuch der Städte Potsdam, Nowawes und Werder von 1927 S. 253.

17 Eigentümer und Bewohner lt. Adreßbuch der Städte Potsdam, Nowawes und Werder von 1938/39 S. 337.

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