Ein Haus mit vielen Namen

Die Geschichte des Kaufhauses in der Brandenburger Straße 49-25

Ein Kleiderbügel mit der Aufschrift „Lindemann & Co. A.G. Potsdam“ war Auslöser für den nachfolgenden Beitrag. Ich hatte ihn vor Jahren bei Ebay ersteigert, ohne seine genaue Geschichte zu kennen.

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Kleiderbügel der Firma „Lindemann & Co“ aus den 1920er Jahren.

Kaum ein Potsdamer wird sich heute noch an die Firma „Lindemann & Co“ erinnern können – und doch war sie einst sicher die bekannteste Anlaufstelle für alle, die sich neu einkleiden wollten. Dem Familienunternehmen gehörte das heutige Karstadt-Kaufhaus in der Brandenburger Straße. Bis hierhin ist die Geschichte noch recht einfach, nun beginnt sie jedoch kompliziert zu werden. Wer sich in Potsdam mit Bauten aus den Zeiten Friedrichs des Großen beschäftigen will, hat einige gut recherchierte Quellen zur Verfügung. Geht es jedoch um die jüngere Geschichte, bleibt so manches im Dunkeln und viele Quellen widersprechen sich. Es sei bereits vorab gewarnt: alles ließ sich nicht klären. Doch der Reihe nach…

Zwei Geschäfte in der Brandenburger Straße

Die Witwe Pohl (ihr verstorbener Gatte war Kürschner, verarbeitete also Tierfelle zu Pelzbekleidung) besaß im Jahre 1882 in einer der aufstrebenden Geschäftsstraßen Potsdams, der Brandenburger Straße, ein hübsches Typenhaus aus der Zeit des Soldatenkönigs. Es trägt bis heute die Hausnummer 54. Schon zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Erdgeschoss des Hauses zwei Ladenlokale, die die Witwe an Kaufleute vermietete. An dieser Stelle beginnt die Geschichte um das große Warenhaus, wie wir es heute kennen.

Das erste Ladengeschäft war eine sogenannte „Manufakturwaaren-Handlung“ und gehörte einem Herrn F. Schwarz. Er verkaufte dort Meter- und Textilwaren, die nach der Maßangabe des Käufers geschnitten wurden. Er hatte sein Geschäft bereits fünf Jahre zuvor, am 10. Mai 1877, gegründet.1 Seine Nachbarin war Frau Magda Hirsch, die hier ein „Wollen-, Tricotagen und Posamentier-Geschäft“ betrieb und zwar seit 18792. Magda Hirsch wiederum war eine geborene Schwarz, was auf eine verwandtschaftliche Beziehung beider Familien hindeutet. Interessant ist, dass aus beiden Läden in späteren Jahren die beiden größten Kaufhäuser der Stadt entstehen würden – das Kaufhaus Hirsch und und das bereits erwähnte Kaufhaus Lindemann & Co.3

Die Geschichte des Kaufhauses Hirsch (heute Intersport und Kaisers sowie ehemaliger Kaufhausbau in der Jägerstraße 25) wurde im Jahre 2000 recht ausführlich von Schülerinnen und Schülern des Voltaire-Gymnasiums untersucht und publiziert4. Zum Warenhaus Lindemann ist offenbar bisher keine Publikation erschienen. Ein paar Eckdaten sollen hier nun jedoch aufgezeigt werden.

Zurück ins Jahr 1882. Der deutsch-französische Krieg (1870/71) ist noch keine zehn Jahre vorbei und die Reparationszahlungen Frankreichs sorgen auch in Potsdam für Aufschwung. Besonders in der Brandenburger Straße ist das zu spüren. Die alten Typenhäuser bekommen massive Fronten aus Stein, Läden werden eingebaut und das ein oder andere Häuschen muss Neubauten weichen. Die 1880 eingeführte Pferdebahn rollt direkt durch die Straße und bringt die Kunden schnell ans Ziel. Von den 40.000 Einwohnern der Stadt waren damals mehr als 10.000 in Handel und Gewerbe tätig. Ein blühendes Umfeld also, in dem sich die Firma F. Schwarz hier bewegte.5

Ein eigenes Warenhaus

Zur Jahrhundertwende sorgte im benachbarten Berlin der Bau des Wertheim Kaufhauses an der Leipziger Straße durch Alfred Messel (1853 – 1909) für Aufsehen. Messel schuf vor allem mit dem Kopfbau am Leipziger Platz (erbaut 1904/05) einen genuinen und oft kopierten Typ der Warenhausfassade. Verglaste Schauflächen wechseln hierbei regelmäßig mit vertikalen konstruktiven Rahmen . Der Wertheim-Bau etablierte Messels Ruf als Mitbegründer der modernen deutschen Architektur.6 Für Potsdam kam ein derart imposantes Gebäude natürlich nicht infrage, repräsentativ wünschte sich die Firma Schwarz ihr Kaufhaus jedoch auch. Im Jahre 1905 wurde daher der Neubau eines Kaufhauses in Auftrag gegeben. Vieles spricht dafür, dass der Potsdamer Architekt Carl Schmanns (1863 – 1957) der Architekt des Bauwerkes ist7. Über Carl Schmanns ist nur sehr wenig bekannt. Seine Ausbildung hatte er in Hannover erhalten und unterhielt von 1910 bis 1914 ein Architekturbüro in Potsdam. Im Eröffnungsheft des von ihm 1912/13 geplanten Görlitzer Warenhauses heißt es über Schmanns: „Er erfreut sich schon heute wegen seiner mannigfachen größeren Bauten eines sehr guten Namens in der Architekturwelt. Herr Schmanns hat sich neben der Ausführung einer größeren Anzahl von herrschaftlichen Villen in Berlin, Schöneberg und Potsdam speziell mit dem Bau großer moderner Geschäftshäuser befaßt.“8

Spätestens im Frühjahr 1906 startet Schwarz mit dem Verkauf im neuen Hause, auch wenn es wohl erst 1907 fertig wird. Eine Anzeige in der Potsdamer Tageszeitung vom Mai 1906 lässt jedenfalls tolle Angebote im Segment der Herrenbekleidung erwarten.

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Werbung des Kaufhauses F. Schwarz vom Mai 1906.

Das neue Haus war eines der seltenen Jugendstil-Bauwerke in der Potsdamer Innenstadt und ihm hatten zunächst zwei Typenhäuser weichen müssen (Nr. 50 und 51). Die langgestreckte Fassade hatte sieben Achsen und verfügte über drei hohe Geschosse für die Verkaufsflächen und ein ausgebautes Dachgeschoss. Das architektonische Highlight des Baus war (und ist bis heute) der Lichthof mit der eindrucksvollen Glaskuppel. Lichthöfe dieser Art waren bei den modernen Kaufhausbauten ein absolutes „Muss“. Schon in den 1838 in Paris gegründeten „Galeries du Commerce et de l’Industrie“, der Wiege der modernen Kaufhäuser, reihte sich Laden an Laden um einen langgestreckten Hof, der durch gläserne Oberlichter Tageslicht erhielt. Und auch hier erstreckten sich diese Läden bereits auf vier Etagen, die durch ein gusseisernes Stützensystem getragen wurden.9 Wie Messels Kaufhäuser in Berlin, so war auch das Potsdamer Pendant ein mit Naturstein und Putz verkleideter Stahlskelettbau, also ein höchst modernes Bauwerk.

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Das Warenhaus um 1920. Eine der wenigen Aufnahmen der originalen Fassade des Architekten Carl Schmanns. Das Gebäude wurde bereits links und rechts verlängert. Foto: PotsdamWiki.
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Im Jugendstil war nicht nur die Fassade gestaltet. Auch die Werbung, hier für das hauseigene Fotoatelier, kam sehr (jugend)stilvoll daher.

Aus F. Schwarz wird Lindemann & Co.

Im Jahre 1906 verkaufte Schwarz sein Kaufhaus an den Charlottenburger Kaufmann Hermann Ploschitzki (?-1932). Diesem gehörte seit 1905 auch die Warenhauskette des Görlitzer Unternehmers Louis Friedländer, die den Grundstein für den Bau des dortigen Warenhauses bildete. Bereits in Görlitz hatte Ploschitzki mit dem ebenfalls aus Charlottenburg stammenden Kaufmann Leopold Lindemann zusammengearbeitet. Dieser betrieb Kaufhäuser in Spandau, Annaberg-Buchholz, Bremerhaven, und Hamburg10. Seit 1910 ist Lindemann auch beim Potsdamer Warenhaus eingebunden und sorgt durch Großabnahme für vorteilhafte Einkaufspreise bei den Herstellern11. Der Name der Firma bleibt zunächst jedoch weiterhin „F. Schwarz“. Die Kaufleute scheinen gut gewirtschaftet zu haben: das Haus wird schnell zu klein. 1913 wird (erneut) Carl Schmanns mit dem Ausbau beauftragt, dem auch die beiden Nachbarhäuser Nr. 49 und 52 links und rechts des Warenhauses weichen müssen. Der Kaufhausbau wird um jeweils drei Achsen links und rechts erweitert. Die neuen Fassadenteile passt Schmanns den alten an, so dass ein einheitlicher Bau entsteht.

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Regelrecht großstädtisch erscheinen das Kaufhaus und die Brandenburger Straße auf dieser Reklame von 1927. Autos gehörten damals unbedingt dazu. Die kurze Episode der Pferdebahn ist bereits seit 20 Jahren wieder Geschichte.

Ab 1922 ändert sich die Firmierung. Die Firma F. Schwarz wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und trägt nunmehr den Namen „Lindemann & Co. A.G.“. Noch 1926 verweist man jedoch auf die alte Firmierung. Im Signet der Firma heißt es: „Lindemann & Co Akt. Ges. vorm. F. Schwarz. Potsdam vornehmstes und größtes Kaufhaus“. Der Potsdamer Unternehmensteil kann am 10. Mai 1927 sein 50jähriges Jubiläum feiern.12

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Die Firma „F. Schwarz“ hatte offensichtlich einen sehr guten Ruf. Jedenfalls wirbt Lindemann & Co. noch 1926 mit dem Hinweis auf den Vorgänger.

Karstadt übernimmt

In den 1920er Jahren begann eine Unternehmenskonzentration im Bereich der Warenhausbetreiber. Auch der 1920 ebenfalls in eine AG umgewandelte Karstadt-Konzern schluckte etliche kleinere Konkurrenten. So auch die Berliner Firma Lindemann. Der Prozess scheint sich über mehrere Jahre hingezogen zu haben. In den Berliner Adressbüchern taucht die Firma jedenfalls auch in den 1930er Jahren noch auf13. Zumindest erscheint im Jahre 1929 die letzte Werbung auf dem Umschlag der Potsdamer Jahresschau. Zwischen 1926 und 1929 hatte die Firma stets stolz mit ihrem prächtigen Kaufhausbau geworben.

Das Geschäft boomt und erneut wird ein Ausbau fällig. Dafür bietet sich das Grundstück der Brauerei „W. Senst AG“ an. Diese befand sich im Hof der Häuser Jägerstraße 13 und 14. Im Jahre 1924 war der Betrieb von der Berliner Kindl Brauerei übernommen worden14 und es ist davon auszugehen, dass die Produktion später gänzlich an den Brauhausberg verlegt wurde. Bis 1927 ist Senst Eigentümer der Gebäude, 1929/30 beginnt dann die Karstadt AG mit dem Ausbau ihres Potsdamer Hauses. Und wieder ist Carl Schmanns als leitender Architekt tätig. Auf dem Hof der beiden Typenhäuser (beide bleiben stehen) werden zwei große Baublocks errichtet, wodurch sich die Grundfläche des Hauses nahezu verdoppelt. Außerdem entsteht ein neues Treppenhaus und zusätzliche Lasten- und Personenaufzüge15. Am 26. Juni 1930 öffnet das neue Haus für seine Kunden.16

Das Kaufhaus wird „arisiert“

Paul Lindemann, wahrscheinlich der Sohn des Firmengründers Leopold Lindemann, wird Vorstandsmitglied der Karstadt AG. Als Jude musste er jedoch bald nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten seinen Posten räumen. 1934 verlässt er mit seiner Frau Minnie und den Kindern Klaus und Eva Deutschland.17

Offensichtlich hatte sich Familie Lindemann jedoch nicht gänzlich aus dem Potsdamer Kaufhausgeschäft zurückgezogen. Jedenfalls bekam eine Sophie Lindemann bereits im Oktober 1933 von der Karstadt AG Ansprüche an das Kaufhaus M. Hirsch abgetreten (man erinnere sich an das gemeinsame Geschäft am Anfang). Karstadt hatte bei Hirsch bereits um 1918 die wirtschaftliche Inhaberschaft übernommen, welche nun also von Sophie Lindemann übernommen wurde.18 Sie war es auch, die die „Arisierung“ des Kaufhauses Hirsch abwickeln musste. Auch ihr gelang wohl in letzter Minute noch die Flucht vor der drohenden Deportation.19

Während das Kaufhaus M. Hirsch im November 1938 an das altgediente NSDAP-Mitglied Alois Mainka zwangsverkauft wurde20, vollzog sich die „Entjudung“ beim Karstadt-Konzern unter anderen Vorzeichen. Im Jahre 1933 gewährte das NS-Regime dem Konzern einen umfangreichen Kredit und die Firma unterwarf sich freiwillig der sogenannten Arisierung. Ausgehandelt wurde dies durch zwei leitende Angestellte und NSDAP-Mitglieder. Die Karstadt AG entließ 830 jüdische Angestellte, vier Vorstandsmitglieder (darunter auch Paul Lindemann) und 47 Geschäftsführer.21 Bis zum Ende des Krieges konnte die Karstadt AG das Warenhaus in der Brandenburger Straße weiter betreiben.

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Karstadt-Werbung aus dem Oktober und Dezember 1939.
Noch 1940 wirbt Karstadt Potsdam mit hübschen Accessoires für Sport und Freizeit. In wenigen Jahren wird Karstadt zunächst jedoch wieder Geschichte sein.

Der Nationalsozialismus stand dem Warenhauskonzept prinzipiell kritisch gegenüber. Schon in den 1920er Jahren war die Anti-Warenhaus-Rhetorik Gemeingut vieler Rechter (und auch linker) Parteien. Man warf den Konzernen die Gefährdung des soliden Kleinkaufmanns vor, die Verschlechterung der Warenqualität durch Massenproduktion und die Verführung zu nutzlosen Käufen. Nicht zuletzt ging es um die „Zerstörung der deutschen Kultur durch Internationalismus“.22

Auch der Jugendstil muss weichen

In den 1930 Jahren kam es zu einer extremen Verknüpfung der Warenhauskritik mit dem Antisemitismus. Neben der „Arisierung“ der Unternehmen mussten auch die Warenhäuser selbst „entjudet“ werden. In einem Schreiben der Potsdamer Bauverwaltung an den neuen Inhaber des Kaufhauses Hirsch, Alois Mainka, heißt es beispielsweise:

„.. ein Einschreiten baupolizeilicherseits zur Verbesserung der Fassadengestaltung [scheint] möglich. Selbst wenn die Baupolizei keine rechtliche Handhabe haben sollte, so könnte doch der Käuferin [die Firma Mainka] sicherlich ohne weiteres klar gemacht werden, daß eine Umänderung der Fassade schon deshalb erwünscht sein muß, weil das nunmehr arische Geschäft auch äußerlich von der jüdischen Vergangenheit sich wird bewußt absetzen wollen.“23

Genau wie das Karstadt Warenhaus, hatte auch das Haus der Firma M. Hirsch (zumindest der Teil in der Jägerstraße) eine imposante Jugendstilfassade. Und mehr noch als das schmale und in einer Seitenstraße gelegene Kaufhaus Hirsch, war das Karstadt-Haus der Bauverwaltung ein Dorn im Auge. Die antisemitische Kritik am Warenhaus als solches traf auf den unbedingten Gestaltungswillen des NS-Oberbürgermeisters Hans Friedrichs (1875 – 1962). Mit Hilfe des uneingeschränkten nationalsozialistischen Führerprinzips, welches auch auf kommunaler Ebene galt, sowie durch loyale Mitarbeiter gelang es ihm, seine Vorstellungen zur Stadtgestaltung und -entwicklung weitgehend umzusetzen.24 Eines seiner aufwendigsten Projekte zur „Bereinigung“ des Stadtbildes25 war dann auch die „Entschandelung“ (nach dem – wenn auch chronologisch erst später erstellten – Schreiben zum Kaufhaus Hirsch, kann man getrost auch von „Entjudung“ sprechen) der Fassade des Karstadt Kaufhauses in der Brandenburger Straße 49–52. Sie wurde im Jahre 1937 durchgeführt.

Die langgestreckte Fassade mit ihren Jugendstilmasken, Zierbalkonen, den stark geschmückten Pfeilern, Balustraden und den zahlreichen Zwerchhäusern auf dem Dach war tatsächlich von Anfang an ein Fremdkörper in der Brandenburger Straße. Die Kritik an Bauten dieser Art war auch keine Erfindung der Nationalsozialisten. Bereits in den 1920er Jahren fiel das Urteil über den Jugendstil kaum positiv aus. Wie schon der Historismus vor ihm, würde auch der Jugendstil dem Ornament zu viel Bedeutung beimessen.26 Es war jedoch der in alle Lebensbereiche eingreifende nationalsozialistische Staat, der eine umfangreiche „Entschandelung“ erst ermöglichte. Beim Potsdamer Warenhaus leistete man ganze Arbeit: die Ornamente wurden gänzlich abgeschlagen und alle über der Traufe befindlichen Aufbauten (also Erker und die Pfeilerenden) komplett entfernt.

Armin Hanson spricht in diesem Zusammenhang von einer „Formamputation“ und ganz zurecht von der „Zerstörung eines aus heutiger Sicht denkmalwürdigen Gebäudes“.27

Interessant ist noch die Feststellung, dass das Potsdamer Warenhaus erst nach dem Eingriff Friedrichs anderen Warenhäusern zum Verwechseln ähnlich sah. So etwa Schmanns Warenhaus in Görlitz oder dem Warenhaus des Architekten Alfred Breslauers in Rostock. Auch an Messels Architektursprache näherte sich Potsdam nun stark an.28

Neuanfang nach 1945

Dass das Gebäude während der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges beschädigt wurde, ist unbestritten. Über das Ausmaß der Schäden widersprechen sich die Quellen. 1946 wird das Potsdamer Kaufhaus jedenfalls, wie 22 andere Karstadt-Warenhäuser in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) auch, als Besitz von „Kriegs- und Naziverbrechern“29 enteignet30. Im selben Jahr, am 3. April 1946, wird das alte Kaufhaus Schauplatz eines Ereignisses, welches kaum antikapitalistischer hätte sein können – der Vereinigung der Kreisparteiorganisationen von KPD und SPD zur SED. Zu diesem Anlass waren das Haus und die ganze Brandenburger Straße festlich geschmückt.31 Eine heute nicht mehr vorhandene Gedenktafel erinnerte jahrzehntelang an dieses Ereignis.

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Von 1952 bis 1965 hieß es „Konsum-Warenhaus“. Länger behielt die Brandenburger ihren neuen Namen – Klement-Gottwald-Straße hieß sie von 1955 bis 1990 (jedenfalls offiziell).

Das Kaufhaus war dann zunächst Teil des genossenschaftlichen Revisionsverbandes Potsdam, dem auch die Brauerei angehörte. 1952 begann die DDR mit der Zentralisierung der Warenhäuser. Im Zuge dessen wurden die Häuser in den größeren Städten (darunter auch jenes in Potsdam) dem Verband Deutscher Konsumgenossenschaften direkt unterstellt. Dieser hatte seinen Sitz zunächst in Halle und wurde ab 1954 nach Berlin verlegt. Das Potsdamer Haus hieß nun „Konsum-Warenhaus“. Zum 1. Januar 1965 wurden die größeren Warenhäuser in das neugegründete Zentrale Konsum-Handelsunternehmen „konsument“ eingegliedert und seither firmierte das Kaufhaus als „Konsument Warenhaus“.32 Noch lange nach der Wende war die große Leuchtschrift mit den Buchstaben „WARENHAUS“ an der Fassade zu sehen.

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In den 1990er Jahren prangte noch die weithin sichtbare Leuchtschrift in blau-weiß am Kaufhaus. Quelle: Tagesspiegel
Werbung des Konsument-Warenhauses Potsdam auf einem Fahrplanheft von 1973. Sammlung. R. Leichsenring.

Aufbruch, Niedergang und Neubeginn

Gleich nach der Wende von 1989/90 hatten ein großer westdeutscher Kaufhauskonzern ein Auge auf das Potsdamer Warenhaus geworfen. 1990 schließt die Horten AG mit „konsument“ einen Zehnjahresvertrag zum Betrieb zahlreicher Warenhäuser auf dem Gebiet der früheren DDR. Auch das Potsdamer Warenhaus mit seinen rund 140 Angestellten war dabei. Rechtsstreitigkeiten ließen jedoch nicht lange auf sich warten: der Alteigentümer, die Karstadt AG, wollte ihr früheres Potsdamer Haus zurück, zumal dieses schwarze Zahlen schrieb. Es folgte eine Rückübertragungsklage. Pläne für den Umbau des Hauses und sogar eine Zwangsräumung waren ins Auge gefasst worden.33 Das Ende für Horten brachten jedoch nicht die Anwälte der Konkurrenz, sondern ein Feuer. Am 23. Februar 1996 brach in der Kosmetikabteilung ein Brand aus. Um 3.55 Uhr wurde die Feuerwehr alarmiert, die fünf Minuten später eintraf. Trotz des schnellen Eingreifens lagen große Teile der Verkaufsräume wie etwa die Süßwarenabteilung in Schutt und Asche. Durch das Feuer wurden Waren im Wert von zehn Millionen DM vernichtet. Bis heute bleibt ungeklärt, ob das Feuer durch einen technischen Defekt, Fahrlässigkeit oder Brandstiftung ausgebrochen war.34

Es folgte jahrelanger Leerstand. Der Kaisers-Supermarkt, der sich im Erdgeschoss des Hauses befand, zog in ein jahrelanges Provisorium auf dem Bassinplatz. Die Mitarbeiter wurden auf Berliner Karstadt-Filialen aufgeteilt, denn offiziell war das Haus bereits 1994 rückübertragen worden.

Es sollte bis zum Jahre 2003 dauern bis dem Haus neues Leben eingehaucht wurde – Jahre später als zunächst geplant. Im März 2003 begann der Umbau des leerstehenden Gebäudes zum „Stadtpalais Potsdam“. Auch der historische Lichthof stand dabei zunächst zur Debatte.35 Statt eines geplanten Abrisses und Wiederaufbaus wurde der in Deutschland fast einmalige Hof freigelegt und um einige Meter verschoben. Die Baukosten beliefen sich auf 50 Millionen Euro, wobei das Bauwerkes fast gänzlich abgerissen wurde. Neben dem Lichthof blieb lediglich die Fassade zur Brandenburger Straße erhalten. Die Glasscheiben des imposanten Lichthofs wurden rekonstruiert und nach alten Zeichnungen, Fotos und Farbfunden originalgetreu auf Spezialglas in Handarbeit bemalt. Der ursprüngliche natürliche obere Lichteinfall wurde jedoch bedingt durch das zusätzliches Obergeschoss, durch eine künstliche indirekte Beleuchtung ersetzt. Neben dem Karstadt-Warenhaus in Görlitz (ebenfalls ein Werk des Architekten Schmanns) gehört dieses Meisterwerk heute zu den letzten aus dieser Epoche erhaltenen Bauten der Warenhaus-Architektur. Nach 16-monatiger Bauzeit eröffnete am 10. März 2005, einhundert Jahre nach Fertigstellung des ersten Kaufhausbaus der Firma Schwarz, Karstadt seine Filiale in Potsdam.

Fritz und Peter - Deine Stadtführer für Potsdam

Quellen und Fußnoten

1 Potsdamer Jahresschau / Havellandkalender. Potsdam. 1929. S. 76.

2 Potsdamer Jahresschau / Havellandkalender. Potsdam. 1931. S. 78.

3 vgl.: SCHULZ, F.B. (Hrsg.): Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für die königliche Residenzstadt Potsdam und Umgebung auf das Jahr 1882. Potsdam. 1882.

4 HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG (Hrsg.): Die kleine Geschichte des Kaufhauses Hirsch. Potsdam. 2000.

5 HAECKEL, J. (Hrsg.): Geschichte der Stadt Potsdam. Potsdam. 1912. S. 142.

6 LAMPUGNANI, V.M.: Hatje-Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts. Ostfildern-Ruit. 1998.S. 243.

7 Armin Hanson nennt Messel selbst als Architekten: HANSON, A.: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918 – 1945. Berlin. 2001. S. 312. Dr. Robert Habel, der selbst eine umfangreiche Arbeit zu Messel veröffentlicht hat (HABEL, R.: Alfred Messels Wertheimbauten in Berlin. der Beginn der modernen Architektur in Deutschland. Berlin. 2009) wies mich jedoch darauf hin, dass Messel 904/05 bereits so erkrankt war, dass er, neben der großen Wertheimerweiterung am Leipziger Platz im Jahr 1905, nur wenige Bauten ausführen konnte.

8 Diese Informationen verdanke ich Dr. Robert Habel mit Verweis auf ein leider vergriffenes Buch zum Görlitzer Warenhaus: BEDNAREK, A; TREPPE, H.-J.: Historisches Warenhaus Karstadt. Görlitz. Regensburg.1996.

11 HANSON, A.: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918 – 1945. S. 312.

12 Potsdamer Jahresschau. 1929. S. 76.

13 Briesen nennt das Jahr 1929 als Jahr der Übernahme (BRIESEN, D.: Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral. S. 61.), die Potsdamer Jahresschau schreibt jedoch die Firma Lindemann & Co. hätte den Neu- und Umbau in Betrieb genommen. Potsdamer Jahresschau. 1931. S. 76.

15 HANSON, A.: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918 – 1945. S. 312.

16 Potsdamer Jahresschau. 1931. S. 76.

18 HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG (Hrsg.): Die kleine Geschichte des Kaufhauses Hirsch. S. 12.

19 Ebd. S. 14.

20 Detailiert zur „Arisierung“ des Kaufhauses M. Hirsch: HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG (Hrsg.): Die kleine Geschichte des Kaufhauses Hirsch. S. 10 – 14.

21 WHITAKER, J.: Wunderwelt Warenhaus. Eine internationale Geschichte. Hildesheim. 2013. S. 32.

22 BRIESEN, D.: Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral. S. 186.

23 HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG (Hrsg.): Die kleine Geschichte des Kaufhauses Hirsch. S. 12.

24 Ausführlich zu Friedrichs und seiner Tätigkeit in Potsdam: HANSON, A.: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918 – 1945. S. 141 – 383.

25 HANSON, A.: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918 – 1945. S. 307.

26 Vgl.: HILDEBRANDT, H.: Die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. In: BRINCKMANN, A.E.: Handbuch der Kunstwissenschaft. Wildpark-Potsdam. 1924. S. 285f.

27 HANSON, A.: Denkmal- und Stadtbildpflege in Potsdam 1918 – 1945. S. 314.

28 Den Hinweis auf Breslauer verdanke ich Dr. Robert Habel von der Technischen Universität Berlin.

29 LUDWIG, A.: Kauf- und Warenhäuser. In: Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Hrsg.): KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR. Weimar. 2006. S. 69.

31 UHLEMANN, M.; RÜCKERT, O. u.a.: Potsdam. Geschichte der Stadt in Wort und Bild. Berlin. 1986. S. 155.

32 LUDWIG, A.: Kauf- und Warenhäuser. In: Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Hrsg.): KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR. Weimar. 2006. S. 69.

33 http://www.pnn.de/potsdam/103869/ (letzter Zugriff 06.12.2016)

34 Ebd.

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